Arbeitslos mit 57: So fand ein Außendienstmitarbeiter einen neuen Job

SPIEGEL ONLINE: Herr Rohrmann, Sie wollten vom Nordkap bis nach Sizilien wandern, um einen Job zu finden. Hat’s geklappt?

Thomas Rohrmann: Mit der Wanderung nicht, aber mit dem Job schon. Ich arbeite seit dem 1. Juli wieder im Vertrieb, und alles passt perfekt. Ich könnte nicht glücklicher sein und bin jetzt im Rückblick sogar froh, dass ich die Wanderung abgebrochen habe. Sonst wäre ich jetzt noch unterwegs und hätte nicht schon seit sechs Monaten eine neue Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn beim Wandern passiert?

Rohrmann: Der Start war total chaotisch. Die erste Nacht habe ich am Flughafen verbracht, weil mein Rucksack verschwunden war. Der kam erst am nächsten Morgen mit einem anderen Flieger. Und als ich dann am Nordkap loslaufen wollte, hat mich die Polizei gezwungen, wieder in den Bus nach Honningsvag zu steigen – man darf am Nordkap nämlich nur für Fotos bleiben. Aber das größte Problem war das Wetter.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie waren doch gut ausgerüstet?

Rohrmann: Ja, ich hatte mich eigentlich gut vorbereitet. Ich war auf minus zehn, zwölf Grad eingestellt. Aber es waren dann minus 15 bis 20 Grad. Auch die Einheimischen haben gesagt, dass sie lange keinen solchen Winter erlebt haben. Die dritte oder vierte Nacht war dann so brutal, dass ich gar nicht schlafen konnte in meinem Zelt. An der Hüfte habe ich mir sogar Erfrierungen zugezogen.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind Sie hoffentlich zu einem Arzt?

Rohrmann: Das kam erst später (lacht). Aber keine Sorge, ich habe keine bleibenden Schäden davongetragen. Jedenfalls bin ich dann erst mal mit dem Zug nach Schweden. Dort war das Wetter aber auch nicht besser, und so bin ich mit der Fähre zurück nach Deutschland. Die Elbe entlangzulaufen war schon immer ein großer Traum von mir. Und dann spielte plötzlich mein Knie verrückt.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Elbwanderung hat es also auch nicht geklappt?

Rohrmann: Nein. Ich war etwa zwei Stunden unterwegs, als mein Knie einfach weggeknickt ist. Da ging gar nichts mehr. Ich bin dann zum nächsten Bahnhof gehumpelt, da hat mir eine nette Polizistin noch einen Verband gemacht, aber für mich war klar: Das wird so nichts. Die Entscheidung ist mir wirklich schwergefallen. Ich hatte fest damit gerechnet, dass nun ein Shitstorm losgeht.

SPIEGEL ONLINE: Und der ist ausgeblieben?

Rohrmann: Erstaunlicherweise ja. Ich habe sogar viele positive Zuschriften bekommen. Trotzdem war ich sehr niedergeschlagen. Die Aktion abzubrechen, war das Schlimmste, was ich mir hatte vorstellen können. Meine Frau hat mich dann langsam wieder aufgebaut. Auch Profis wie Reinhold Messner oder die Huber-Brüder müssen ja manchmal aufgeben. Und das Wichtigste hatte ich ja schon erreicht: Bei mir hatten sich ein halbes Dutzend Arbeitgeber gemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben schon während der Wanderung Jobangebote bekommen?

Rohrmann: Sogar schon davor! Mein jetziger Chef hatte Ihren Artikel auf SPIEGEL ONLINE gelesen und mir direkt danach eine E-Mail geschrieben. Und als ich dann wieder zu Hause war, habe ich mich bei ihm gemeldet, und die Chemie stimmte sofort. Vier fixe Angebote habe ich insgesamt bekommen, das hätte ich nie für möglich gehalten. Einige habe ich sogar weitergegeben. Mir haben ja Hunderte Menschen geschrieben, denen es ähnlich ergangen ist wie mir.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft denn da Ihrer Meinung nach schief? Warum finden ältere Arbeitslose und Betriebe nicht zusammen?

Rohrmann: Bei mir haben sich vor allem Chefs oder Personalleiter mittelständischer Unternehmen gemeldet. Von der Existenz der Firma, für die ich jetzt arbeite, hatte ich gar nichts gewusst. Ohne meine Aktion hätten mein Chef und ich uns nie gefunden, obwohl wir ja beide gesucht haben! Ich weiß auch nicht, wie sich dieses Dilemma lösen lässt. Es gibt ja eigentlich schon viele Bewerberplattformen, aber vielleicht wäre eine speziell für ältere Arbeitssuchende sinnvoll.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn einen Rat für Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie Sie?

Rohrmann: Ich würde gar keine Bewerbungen mehr schreiben. Die hat man zwar mit einem Klick schnell abgeschickt, aber die werden auch mit einem Klick wieder gelöscht. Ich würde stattdessen gezielt suchen, welche mittelständischen Firmen aus dem Umkreis zu mir passen könnten und dort einfach mal hinfahren und meinen Lebenslauf abgeben. In kleineren Firmen haben anscheinend schon mehr Chefs erkannt, dass auch Ältere arbeiten können und wollen.

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Quelle: Arbeitslos mit 57: So fand ein Außendienstmitarbeiter einen neuen Job – SPIEGEL ONLINE

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