Arbeitslosigkeit: Das Zitat… und Ihr Gewinn

Der Fausthieb einer Entlassung kann heute jeden treffen. Was es bedeutet, arbeitslos zu sein, belegen internationale Studien drastisch: Die Wahrscheinlichkeit einer Depression verzehnfacht sich; von 100 Arbeitslosen haben 15 schon an einen Selbstmord gedacht; und das empfundene Lebensglück sinkt beim Verlust des Arbeitsplatzes um ein Drittel mehr, als wenn man einen Angehörigen verliert.

Aber wie gehen die Firmen mit Arbeitslosen um? Helfen sie ohne Vorurteile, wie es Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, fordert? Im Gegenteil, sie fassen die Arbeitslosen nur mit der Kneifzange an. Der wahre Grund, warum qualifizierte Menschen arbeitslos bleiben, ist, dass sie arbeitslos sind. Meist schon längere Zeit. Wie kommen Firmen dazu, dass sie lieber Mitarbeiter anderer Firmen abwerben, als Arbeitslose an Bord zu holen?

 Antwort eins: Wer arbeitslos ist, hat mit dem Verdacht zu kämpfen, er sei schuld daran. Aber welche Firma kann von sich behaupten, noch nie einen guten Mitarbeiter vor die Tür gesetzt zu haben, etwa betriebsbedingt? Arbeitslosigkeit kann Menschen mit derselben Willkür treffen wie ein Blitz.

Antwort zwei: Die Firmen fürchten, dass ein Arbeitsloser nach jedem Job wie nach einem Rettungsring greift – auch wenn die Arbeit gar nicht zu ihm passt. Doch besteht eine professionelle Personalauswahl nicht darin, die Motivation und die Qualifikation des Bewerbers abzuklopfen? Warum sollte das bei Arbeitslosen nicht funktionieren?

 Die dritte Antwort: Wer arbeitslos ist, trägt eine Last auf seinen Schultern, die er im Vorstellungsgespräch nur schwer abschütteln kann. Angespannter, trauriger, weniger gewinnend als andere Bewerber kann er wirken. Doch er wird mit denen verglichen, deren Rücken durch einen aktuellen Arbeitsplatz gestärkt ist.

Ein Gedankenspiel kann in dieser Situation weiterhelfen: Der Arbeitslose malt sich schon Tage vor dem Bewerbungsgespräch aus, er hätte einen erstklassigen Job und sollte abgeworben werden. Je öfter er das denkt, desto mehr färbt es auf sein Verhalten ab: Er wirkt selbstbewusster und lockerer, schon in Rollenspielen. Natürlich hilft dies nur, sofern er überhaupt ins Vorstellungsgespräch kommt.

Die Firmen müssen eine neue Disziplin lernen: Fairness gegenüber Arbeitslosen, auch im eigenen Interesse; sonst entgehen ihnen vorzügliche Arbeitskräfte – und das wird sich in Zeiten von geburtenschwachen Jahrgängen kein Unternehmen mehr leisten können.

Quelle: Arbeitslosigkeit: Das Zitat… und Ihr Gewinn | ZEIT ONLINE

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