Kolumne „Mein Urteil“: Darf ich meinen Chef bei der Polizei anzeigen?

Grundsätzlich hat jeder Bürger das Recht, bei dem Verdacht auf eine Straftat eine Strafanzeige zu stellen. Das gilt auch im Arbeitsverhältnis, wenn Anzeichen für ein strafbares Verhalten von Kollegen oder der Geschäftsleitung vorliegen. Allerdings dürfen andere Personen nicht zu Unrecht verdächtigt werden. Wer leichtfertig eine Strafanzeige gegen seinen Arbeitgeber stellt, kann damit sogar seinen Arbeitsplatz riskieren. Das hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) in einem aktuellen Urteil klargestellt (2 AZR 42/16).23323359 © PrivatVergrößernMarcel Grobys ist Inhaber einer Kanzlei für Arbeitsrecht in München.In diesem Fall fühlte sich eine Dozentin bei der Evaluierung ihrer Lehrveranstaltungen benachteiligt, weil die Hochschule nach ihrer Ansicht gegen Verfahrensvorschriften verstoßen und Datenschutzgesetze verletzt hatte. Sie erstattete daher Anzeige gegen unbekannt. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen gegen die Hochschule auf, stellte das Verfahren jedoch später mangels Tatverdachts ein. Die Hochschule kündigte daraufhin das Arbeitsverhältnis der Dozentin. Zu Recht, meinte das BAG.Im Arbeitsverhältnis gibt es Rücksichtnahme-PflichtenDie Einschaltung der Staatsanwaltschaft in strafrechtlichen Verdachtsfällen sei zwar ein staatsbürgerliches Recht. Ein Arbeitnehmer darf dieses Recht aufgrund der im Arbeitsverhältnis bestehenden Rücksichtnahme-Pflichten jedoch nicht schrankenlos ausüben. Ein solches Ermittlungsverfahren kann immerhin zu einer hohen Beeinträchtigung des Ansehens eines Unternehmens führen. Daher müsse ein Mitarbeiter zunächst alle Möglichkeiten der innerbetrieblichen Klärung ausschöpfen.

Quelle: Kolumne „Mein Urteil“: Darf ich meinen Chef bei der Polizei anzeigen? – Beruf & Chance – FAZ

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